„Ich weiß nicht mehr, was richtig ist und was nicht“, sagt Liane. Soll sie die neue Stelle annehmen, die ihr angeboten wurde? Es hängt so viel an dieser Entscheidung: Sie müsste Vertrautes aufgeben, sich auf etwas Unbekanntes einlassen; der neue Aufgabenbereich reizt sie, aber da meldet sich gleich wieder ihr eigenes Sicherheitsbedürfnis, ihr Partner ist skeptisch wegen der veränderten Arbeitszeiten, und sie fühlt sich verantwortlich für die Schulschwierigkeiten ihrer elfjährigen Tochter.

Ich habe auf dem Fußboden meiner Praxis verschiedene Gegenstände aufgebaut: ein Stofftier, eine Lupe, ein altes Bakelit-Telefon, eine chinesische Fahrradklingel, ein Modellauto, einen kitschigen Kerzenhalter, ein längeres Seil und einiges mehr. Ich schlage Liane vor, sich für jede der von ihr benannten Komponenten einen der Gegenstände auszusuchen und ihn im Raum zu plazieren, um das komplexe Beziehungsgefüge anschaulicher zu machen. Nach kurzem Zögern beginnt sie. „Und welcher Gegenstand steht für Sie selbVisualisierust?“ ffrage ich. Sie wählt das alte Telefon: „Weil ich immer für alle ein offenes Ohr habe.“ Ich ermuntere sie, die Position einzelner Gegenstände zu verändern und sich anstelle von Erklärungen auf die Empfindungen zu konzentrieren, die das Ganze in ihr auslöst.

Futter fürs Gehirn

Die Methode derVisualisierung ist so effektiv, weil sie dem Gehirn vielfältigere Nahrung bietet als nur verbale Informationen. Unsere Assoziationen werden nicht mehr durch Kategorien eingeengt, und wir erschließen uns Lösungspotentiale, die der verbalen Reflexion nicht ohne weiteres zugänglich sind.

Teures Spielzeug

Dass dies funktioniert, wissen heute nicht nur Berater sondern auch die Trittbrettfahrer der Branche – die Anbieter von Zubehör. Sie offerieren Koffer mit Dingen, die sie im Beratungsprozess für hilfreich halten. Da gibt es Koffer mit Jonglierbällen, einem Stofftier, Stiften und Moderatorenkarten oder Sets mit Holzfiguren, die einzelne Rollen in einer Familie oder in einem Team repräsentieren – zu Preisen von mehreren hundert Euro. Hier wird ein hoher pädagogischer Anspruch suggeriert, der durch nichts belegt ist.

Experimentieren Sie selbst!

Meine Empfehlung: Greifen Sie lieber auch echtes Spielzeug zurück, das ist billiger und erlaubt mehr Kreativität. Ein Lego-Bausatz befeuert den Beratungsprozess ebenso wie ein fertig bestückter Beraterkoffer, kostet aber nur einen Bruchteil davon. Oder Sie stöbern mal auf dem Flohmarkt oder im Ein-Euro-Shop nach Dingen, die Ihnen spontan ins Auge springen. Der Einzigartigkeit Ihrer Beraterutensilien können Sie sich gewiss sein, sind sie doch handverlesen.

Ich habe beim Zusammentragen meines eigenen Sammelsuriums darauf geachtet, dass die Gegenstände unterschiedliche Qualitäten haben. Lassen Sie Ihrer Inspiration freien Lauf – Ihre Klienten werden die Kreativität, die Sie ihnen im Beratungsprozess anbieten, zu nutzen wissen.

Und das Beste dabei: Je öfter Sie die Methode der Visualisierung einsetzen, desto unabhängiger werden Sie von Ihren gerade verfügbaren Werkzeugen. Ich habe mit Klienten schon Situationen mit Kaffeetassen oder Schreibtischutensilien nachgestellt – eben mit dem, was gerade da war. Und ich bin überzeugt: Die Ergebnisse waren ebenso gut wie mit Beraterkoffer.

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